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Alt 01.03.2006, 16:46
Albiceleste Albiceleste ist offline
Junior Hooligan
 
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Standard AW: Szene Süd-Amerika

Tod bei Kilometer 94,5

Teil II:

Viel später, im Jahre 1997, stahlen River-Fans die berühmten Fahnen während eines Superclásico in Bocas berühmter Pralinenschachtel, der "Bombonera", eine noch heute unvergessene Aktion, die von den Hooligans stets zur Begründung neuer Gewalttaten angeführt wird. Erst 2002 beschloss die argentinische Regierung, dass Fans nur noch Symbole ihres jeweiligen Heimvereins zeigen dürfen. So sollte das Stehlen und provokative Herzeigen der gegnerischen Fahnen unterbunden werden.

Angesichts der ständigen Ausschreitungen, die schon Mitte der neunziger Jahre die Liga dominierten, schien es kaum vorstellbar, dass die Gewalt in den Stadien noch weiter eskalieren könnte. Doch dann stürzte Argentinien 1998 in die schwerste Wirtschaftskrise seiner Geschichte. Die Rezession wuchs sich rasant zur Staatskrise aus, über Nacht verloren Millionen von Menschen, denen es bislang vergleichsweise besser ging als in den südamerikanischen Nachbarstaaten, ihr gesamtes Erspartes. Die Banken hatten auf Anweisung der Regierung geschlossen. Große Teile des einst stolzen Mittelstandes wurden bedürftig und in der verarmten Gesellschaft explodierte die Kriminalität.
Davon blieb natürlich auch der Fußball nicht verschont, die "Barras bravas", die wilden Horden, wurden fortan gewalttätiger und blutrünstiger. Eine psychologische Kettenreaktion, wie Fanforscher glauben.

Denn was die Fans seither erleben, ist der systematische Ruin des argentinischen Fußballs. Zwar befördern die großen Ausbildungsvereine wie River Plate jedes Jahr neue Talente in die erste Liga, doch genauso fix ist der Nachwuchs wieder fort, gewechselt nach Europa, wo es gutes Geld zu verdienen gibt. Die Liga blutet aus. Verletzter Stolz ist ein Erklärungsmuster für die brutale Gewalt der Fans. Diego Kliemowicz, Stürmer in Wolfsburg, der beim Heimaturlaub beinahe selbst Opfer eines Raubüberfalls wurde, lobt trotz aller Eingewöhnungsprobleme stets, dass hier zu Lande Kinder noch unbeaufsichtigt auf der Straße spielen können. In Argentinien undenkbar, dort werden die Sprösslinge wohlhabender Eltern aus Angst vor Entführungen ständig von privaten Sicherheitsdiensten begleitet.

Im Juli 2004 könnte nun die Situation in den argentinischen Stadien als angespannt, aber vergleichsweise ruhig beschrieben werden. Seit Monaten sind die Ausschreitungen vor allem bei Boca leicht rückgängig. Und oberflächlich könnte die leichte Entspannung der Lage dem entschiedenen Eingreifen des neuen Sicherheitsministers, Javier Castrilli, zugerechnet werden, der nach seiner Vereidigung angekündigt hatte, rigoros gegen die Gewalttäter vorzugehen.

Die Maßnahmen Castrillis hatten es in sich, so durften bei den Spielen in der Copa Libertadores zwischen Boca und River nur die jeweiligen Heimfans ins Stadion, die Gäste-Anhänger mussten sich das Spiel im Fernsehen anschauen. Doch die Ruhe in den Stadien ist trügerisch. Denn bis vor wenigen Monaten saß nahezu der komplette Führungskader der "La 12" im Gefängnis, mittlerweile jedoch sind die meisten Anhänger wieder auf freiem Fuß und als neuer Chef befehligt nun der 40-jährige Rafael Di Zeo die wilde Horde.
Dass die Namen der Rädelsführer allseits bekannt sind, ist ein Indiz für die zögerliche Haltung der Polizei und der Vereine gegenüber den Gewalttätern. Man kennt die Lebensläufe der Anführer, viele ihrer Taten werden durch Kameras in den Stadien gefilmt. Doch wenn es tatsächlich einmal zur Anklage kommt, verfügen die Beschuldigten urplötzlich über sichtbar fingierte Alibis oder werden durch mächtige Vereinsobere protegiert. Überhaupt sind die Verquickungen zwischen den Vereinen und den Hooligans vielfältig, ein oft undurchschaubares Beziehungsgeflecht verbindet die Funktionäre mit den "Barras bravas".

Eine Untersuchungskommission wies nach, dass viele Vereinsfunktionäre Hooligans ganz selbstverständlich Gratiskarten für Heimspiele zustecken und gar ganze Auswärtsfahrten finanzieren. Boca-Präsident Mauricio Marci ist die wohl bekannteste dieser zwielichtigen Persönlichkeiten. "La 12" erhielt von ihm regelmäßig 500 Auswärtskarten und 1000 Heimtickets in der Bombonera. Das Geschäft ist einsichtig: Viele Präsidenten haben politische Ambitionen und nutzen das populäre Amt als Vereinspräsident nur, um sich mediale Aufmerksamkeit zu sichern, um dann etwa für ein Bürgermeisteramt zu kandidieren. Mit den Fangruppen will es sich da niemand verderben.

Claudio Ponces Mörder wurden nie gefunden. Und ob es ein Zufall war, dass sich die Fangruppen auf der Autobahn trafen, wurde nie geklärt. Ein Newell's-Anhänger gab zu Protokoll: "Hier wurde gar nichts abgesprochen. Sie tauchten einfach auf und gingen auf uns los. Ich dachte: Entweder sie bringen dich um oder du sie." So einfach ist das manchmal.

(Quelle: spiegel.de)